Gut, sind die Zeiten vorbei, da Menschen vor mächtigen Herren aller Art erstarrten, bzw. erstarren mussten! So frei von Hierarchien und aufgezwungenen Ehrbezeugungen hat noch keine Generation vor uns gelebt, auch wenn der gute Tell schon früh begonnen hat, sich zu wehren – ob in Schillers Drama oder als Urbild des wehrhaften Eidgenossen. Wir bestimmen weitgehend selbst, wem und aufgrund welcher Leistungen und Verdienste Ehre gebührt. Wir müssen allerdings auch mit der Enttäuschung selbst fertig werden, wenn der/die Verehrte unseren Ansprüchen nicht genügt. Auch Menschen, die Grosses leisten, machen Fehler, haben Grenzen und zeigen Schwächen. Das ist im Auge zu behalten; das lässt Führungspersönlichkeiten und Stars aus allen Sparten menschlich bleiben und hilft - eben gerade nicht in Ehrfurcht zu erstarren, sondern beweglich zu bleiben mit Herz und Verstand. Ehrfurcht scheint heute weniger zwischen Menschen zu gelten. Da bevorzugen die meisten eher demokratische Begriffe wie Achtung und Respekt vor besonderen Menschen, die Aussergewöhnliches leisten. Ehrfurcht wirkt undemokratisch! Sie betont den Unterschied und verweist uns in eine ganz andere Dimension. Nicht umsonst gehört Ehrfurcht in die Sprachwelt der Religionen. In allen Religionen wird die Ehrfurcht vor dem Übermenschlichen und/oder unendlich Grösseren und Erhabenen in Körperhaltungen ausgedrückt. Menschen verneigen sich, knien oder liegen gar; wieder andere erheben sich als Zeichen der Ehrerbietung vor dem Geheimnis des Lebens. Sie erstarren nicht in Ehrfurcht – sie bewegen sich und ihr Leben wird bewegt durch etwas, das grösser ist als menschliche Kraft. Wir brauchen alle drei: Achtung vor unseren Mitmenschen, Respekt vor besonderen Leistungen und Ehrfurcht vor dem Leben.
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