Erst wollen wir die Person, die wir lieben, ganz für uns haben, die Mutter, den Freund, die Geliebte, den Sohn...
Zur Liebe gehört auch der Wunsch nach Exklusivität. Mit der Zeit lernen wir, dass Lieben Loslassen bedeutet: Loslassen von festen Bildern,
Ansprüchen, Erwartungen und Plänen.
Das ist das Faszinierende an der Liebe, dass sie uns verändert und fordert. Sie macht uns fähig, den Menschen,
die wir lieben, durch die Veränderungen des Lebens hindurch zu folgen ohne sie für unsere Bedürfnisse und Wünsche zu vereinnahmen,
ohne sie in unseren Vorstellungen fest zu halten.
Liebe kennt viele Formen und was sie ist, weiss nur wer liebt und geliebt wird. Selbst wortgewandte DichterInnen können die
Liebe nur mit Bildern umschreiben; definieren lässt sie sich mit Worten nicht. «Sie ist, was sie ist», hat einmal einer von ihnen gesagt.
In der Bibel heisst es gar, dass Gott selbst sie ist. So wird es zwar nicht einfacher, die Liebe zu verstehen. Doch das Unfassbare, das
Unverfügbare und das Wunderbare, das Menschen in ihr erfahren, kommt damit zum Ausdruck, und die Hoffnung, dass die Liebe stärker ist
als der Tod. Die Liebe bleibt, wenn wir nicht mehr sind! Daran glauben auch Menschen, die nicht an Gott glauben, aber in der Liebe eine
Kraft erfahren, die sie trägt.
Die Liebe bringt uns immer mal wieder aus der Fassung: Wenn sie Ordnungen durchbricht und sich nicht um Leistungen, Rangordnungen und
Verdienste kümmert. Liebe kann Grenzen überschreiten, die von Menschen gemacht sind, und schon manches Leben wurde durch sie auf den Kopf
gestellt. Nicht umsonst spricht man vom Feuer der Liebe. Wo dieses Feuer erlischt, kann nichts Gutes gelingen. Und nicht zuletzt ist
jede noch so vernünftige Ethik ohne Liebe wertlos. Mit ihr wird Ethik menschlich: «Liebe und tue was du willst!» hat ein grosser
Kirchenlehrer gesagt und befreit uns damit von zuviel Moral!
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